Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben?

weiß, Schwarz, Rassimus in Wikipedia:

Von andrax, Mitarbeiter der vorwiegend weißen Wikipeda in Deutschland.

Vorbemerkung. Dieser Beitrag setzt die Lektüre des Buches von Noah Sow „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus.“ (i. F. DSW) voraus. Dieses Buch ist für mich als Mitarbeiter der Wikipedia hier der Anlass, den alltäglichen Rassismus in der Wikipedia selbstkritisch zu reflektieren. Diesen Beitrag versteht ich als den Versuch, die eigenen – meist unsichtbar gehaltenen und unbenannten – weißen Positionen, Blickweisen und Normen in der Wikipedia offen zu legen und für eine Kritik zugänglich zu machen. So notwendig mir dieser Versuch von weißer Seite auch erscheint, ihm geht wie mit dem hier vorgestellten Buch von Noah Sow immer eine Kritik von Schwarzer Seite voraus. Ich habe mich entschieden, diese Kritik von Schwarzer Seite hier sehr deutlich darzustellen und mich an dieser Kritik zu orientieren, weil ich deutlich machen möchte, dass dieser Versuch weißer Selbstreflexion eigener Privilegien nichts Selbstverständliches ist und nicht ohne die vorausgegangene Kritik von Schwarzer Seite stattfinden würde. Ein solcher Versuch instrumentalisiert somit aber in letzter Konsequenz auch diese Schwarze Kritik für sich. Auf dieses Dilemma möchte ich hier deutlich hinweisen. Anregungen, die helfen dieses Dilemma zu überwinden, sind also sehr willkommen.

Bei der Frage “ Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben?“ beschäftige ich mich mit einem Luxusproblem für Weiße. Rassismus stört uns Weißen letztlich nicht, denn wir erleben nicht den Rassismus, wir sind nicht vom Rassismus betroffen und können das Problem jederzeit ingnorieren. Weiße müssen sich nicht fragen, ob sie rassistische Begriffe benutzen, Dinge rassistisch darstellen, Ereignisse aus einem rein weißen Blickwinkel betrachten. Ich bin weiß erzogen, das „Betriebssystem“ (DSW) läuft auf Weiß TM, streng lizensiertes Betriebssystem ;) und Weiße insgesamt sind so erzogen, dass sie einfach selbstverständlich mit einem weißen Blick durch die Gegend laufen und Artikel weiß schreiben. Auch wir in Wikipedia, die es nie nötig haben kundzutun, dass sie Weiße sind und aus eine weißen Perspektive schreiben, sind mit diesen Privileg erzogen worden. Wir wollen nicht rassistisch sein, wir würden nie behaupten, dass wir rassistisch schreiben, wir bestimmen immer selbst, ob etwas rassistisch ist oder nicht. Denn wir maßen uns, ohne uns das bewusst zu machen, immer die Expertenposition an, (selbst) zu entscheiden, was rassistisch ist oder nicht. Noah Sow nennt das in ihrem Buch Deutschland Schwarz Weiß „Herrenrechte“.

Fangen wir mit der Schreibweise Schwarz und weiß an:
Benennung
„Du nennst deine Freundin auch nicht Fotze.“ Noah Sow in Deutschland Schwarz Weiß über weiße Ignoranz.

Noah Sow weist mit dieser Bemerkung darauf hin, dass es Worte gibt, die sich nicht gehören, weil sie unwürdig sind, beleidigen und verletzen. Solange es noch Rassismus gibt, sind nur zwei Worte akzeptabel und „akademisch korrekt“: Schwarze, großgeschrieben, weil es keine adjektivische Beschreibung ist, sondern eine politisch gewählte Selbstbezeichnung von http://en.wikipedia.org/wiki/Person_of_color“ rel=“external“>People of Color [http://en.wikipedia.org/wiki/Person_of_color], die kolonial geprägte und damit rassistische Bezeichnungen ablehnen. Wird von „Unterpigmentierten“ (so heißt es ironisch bei Noah Sow in DSW) geschrieben und gesprochen, so ist der Begriff für diese Gruppe weiß – kleingeschrieben und (je nach Philosophie) kursiv – oder Weiße kursiv oder anderweitig hervorgehoben: „Weiße“. Hier geht es darum, dass der Begriff eine kritisch gemeinte Konstruktion ist und keine rassistische Beschreibung, die unreflektiert auf ein körperliches Merkmal wie die Hautfarbe abhebt. Übrigens werden auch Begriffe, die durch „Rasse“theorien geprägt wurden, in Anführungsstiche gesetzt (vgl. dazu u.a. Susan Arndt (Hg.): AfrikaBilder und insb: Eggers et. al. „Mythen, Masken, Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland). Also: „Rasse“, „Zigeuner“, das M-Wort und alle sonstigen rassistischen Konstruktionen typographisch markieren, falls es notwendig ist, diese zu verwenden. (Vgl. auch Arndt/Hornscheid (Hg.): Afrika und die deutsche Sprache) Das sind also die akademisch korrekten Schreibweisen und diesen Standard sollten wir solange respektieren, bis das Wissen aus der Zeit der Versklavung und aus der noch anhalten Zeit, in der „Rassen“theorien produziert werden, so gründlich kritisch aufgearbeitet worden ist, dass es keinen Schaden mehr anrichten kann. Aber von anderen die weltverändernden Erfindungen wissen wir, wie lange so etwas dauern kann. Wer hat übrigens das Rad erfunden? Wie oft wurde das Rad modernisiert? Also „Rasse“ in Anführungszeichen und modernisierte Begriffe für „Rasse“, z.B. „Ethnie“ ebenfalls.

Struktureller Rassismus / Weißsein

Rassismus lässt sich nicht auf – psychologisch begründete – Vorurteile reduzieren, sondern ist ein gesellschaftliches Phänomen. Es gibt eine gesellschaftliche Gruppe, die Vorteile/Privilegien daraus zieht, dass einen andere Gruppe rassifiziert wird.
Wie das funktioniert beschreiben Schwarze Wissenschaftler_innen anhand der untersuchten Kategorie „Weißsein“. Dazu gibt es einen ausführlichen – phasenweise sehr umkämpften Artikel – „Weißsein“ in der Wikipedia.

An dieser Stelle möchte ich jedoch ein paar Zitate aus der Zeitschrift diskus zu Weißsein anführen:

„Weiße Privilegien sind an Weiß-Sein geknüpft. Mit Weiß-Sein ist keine Farbe gemeint – Weiß-Sein ist ein Konzept. Ein Konzept, welches in Jahrhunderten europäischer Expansion, Kolonialismus und Sklaverei entstanden ist. … Weiß-Sein ist eine Differenzkonstruktion: Weiß-Sein ist all das, was nicht-Schwarz ist, es konstruiert sich als Gegensatz. Weiß-Sein braucht daher das Schwarz-Sein, um existieren zu können. Schwarz ist das Markierte, das Bestimmbare, das Sichtbare; Weiß dagegen ist kaum zu fassen, es scheint auf keine spezifische Identität, auf keine klar bestimmbaren Qualitäten zu verweisen. Es ist scheinbar keine Farbe und doch alle Farben in einem, eine Leerstelle und doch universell, alles und nichts zugleich. Weiß-Sein erzeugt das Andere, entzieht sich aber selbst der Definition durch Andere.

Alles – Aussehen, Verhaltensweisen, Charakterzüge, Gegenstände etc. – wird einer der beiden Kategorien Schwarz oder Weiß zugeordnet. Es gibt eine sehr klare Hierarchie, in der Weiß(es) oben und Schwarz(es) unten steht. Zwischen Weiß und Schwarz gibt es also eine Machtbeziehung. Das, was Schwarz ist, wurde und wird von Weißen definiert, sie haben die Definitionsgewalt. Weiß-Sein ist eine Normsetzung, explizit oder implizit. Die explizite Normsetzung markiert Weiß-Sein bewusst und stuft es als höherwertig ein. Die implizite Normsetzung steht der expliziten diametral entgegen und wurzelt in der Tendenz, Weiß-Sein überhaupt nicht wahrzunehmen. (»Ich finde mein Weiß-Sein unwichtig.« »Ich mache da keinen Unterschied, wir sind doch alle gleich.«) Positive Hervorhebungen von Weiß-Sein sollen als rassistisch zurückgewiesen werden, das Selbstbild ist ein liberales, aufgeklärtes oder auch linkes …“ (Otto Busse: weiss-sein, in diskus 3/2004)

Links, die gut erklären, wie Rassismus sich auch als gesellschaftliche Struktur verstehen lässt und damit zu weißen Wissensproduktinen wie in dem weißen Club Wikipedia führen, findet ihr unten oder auf der Webseite zu Mythen Masken Subjekte (hier und hier). Ihr könnt euch auch ein Video anschauen: hier (braune mob / via metanationale.org).

„Deutschland ist nicht rassistisch.“ Breiter weißer Konsens

Was ist überhaupt rassistisch? Wer kann die Frage überhaupt beantworten? Was tun wir, um uns diese Frage nicht zu stellen oder gar stellen zu lassen?

Rassismus ist eine Definitionssache? Wer hat die Position Rassismus zu definieren? Wer hat die Macht Rassismus zu definieren und wer hat legitimer Weise die Macht zu sagen: „das ist rassistisch“?

Rassismus ist nichts Schönes. Seine Sprache ist es verletzend. Wenn ich dir den Finger breche, habe dann ich oder hast nur du das Recht zu sagen: „Das tut weh“. Habe ich das Recht zu sagen: „Stell dich nicht so an, dass kann doch nicht so weh tun“? Richtig. In Wikipedia entscheiden Weiße, ob etwas rassistisch ist oder nicht. Sie zitieren weiße Autor_innen zur Bestätigung, ohne dass sie deren weiße Blickrichtung deutlich hervorheben. Wir müssen also genauer hinschauen und vor allem Expert_innen befragen. Merken: Expert_innen sind immer jene, die eine antirassistische Ausbildung haben oder schon ihr Leben lang erfahren haben, was Rassismus ist. In diesem Land sind das Hunderttausende. Sie werden übrigens Schwarze Deutsche genannt. Bei Noah Sow könnt ihr nachlesen, dass nicht alle weißen Afrikareisenden bereits Experten sind. Zumindest nicht dafür, Rassismen zu erkennen. So manche Veranstaltung gegen Rassismus wurde bereits durch den kulturell hierzulande ausgeprägtem Aberglauben an Promis zu einem Etikettenschwindel.

Würden wir in der Wikipedia einen Artikel über Intelligenztest von Menschen unterschiedlicher Hutgröße oder Schuhgröße akzeptieren? Aber warum akzeptieren wir Tausende von Artikeln, die aus einer weißen Perspektive immer irgendetwas über Menschen zu sagen haben, deren körperliche Merkmale uns Weißen seit der Sklaverei besonders auffallen. Wurde die Versklavung nicht abgeschafft?

Sprache und die Art der Darstellung haben Auswirkungen wie das Fingerbrechen. Denn Rassismus ist Gewalt. Das sollte schon als Definition grundsätzlich reichen: Gewalt. Rassismus tut jemande/n weh. Zunächst nicht mehr und nicht weniger. Natürlich können und müssen viele nicht damit umgehen, dass sie andere Gewalt an tun. Ahnen wir, dass wir aus Gewohnheit eine Sprache benutzen, die andere rassistisch verletzt, so ist klar, dass wir uns dagegen wehren. Wir wollen es nicht wahrhaben. Wir entwickeln zahlreiche Abwehrstrategien. Die reicht von Einwenden wie „gegenüber meinen Schwarzen Freunden darf ich sogar rassistische Witze machen und sie N-Wort nennen“, bis hin zu möglichst unverständlichen und abgehobenen Definitionen, was Rassismus „wirklich“ ist. Rassismus ist, wenn Weiße Schwarze anders als Weiße behandeln. (Wenn du jetzt denkst, dass du ein Opfer des Rassismus bist, weil du als Weißer von einem Schwarzen nicht so behandelt wurdest wie er andere Schwarze behandelt, dann hast du das Gesagte verstanden: In dir regt sich deine Abwehr, dich mit deinem Rassismus beschäftigen zu müssen, aber es ist schon passiert: du erkennst deine Position als Weiße/r)

Rassistische Sprache und rassistische Darstellungen verletzen Menschen jedoch auf sehr vielfältige Arten und Weisen, die sich nur Weiße nicht bewusst machen (müssen) und ohne Nachteile ignorieren können. Weil wir es gelernt haben, in einer Dominanzkultur zu leben, die bestimmt, was wir wahrnehmen müssen und was wir ignorieren können. Dabei fällt uns nicht auf, dass wir „Unterpigmentierten“ nie uns selbst in Schubladen stecken, sondern immer nur jene, denen wir wegen ihre „Schuhgröße“ (vgl. DSW) irgendwelche Eigenschaften absprechen oder zusprechen. Oder gibt es einen Artikel in der Wikipeda „Weißeuropa“? Wie häufig fanden wird den Begriff „Schwarzafrika“ in der Wikipedia?

In Deutschland gibt es – wenn wir die Medien lesen – keinen Rassismus, sondern Rassismus ist nur eine Sache des Rechtsextremismus. Das ist auch in der weißen deutschen Wikipedia so. Kann ich auch rassistisch sein, wenn ich kein Nazi-Skin bin oder ein Parteibuch der NPD habe? Natürlich kann ich das. Wer weiß und damit rassistisch erzogen wird, auf dem ist das Betriebsystem bereits fest installiert. Und so ein Betriebsystem kann man nur schwer verlernen. Klar aber ist, in der Wikipedia sollte keine weißes Betriebssystem installiert werden. Allerdings: Wer rassistische Begriffe benennt, bekommt es mit der geballten Wut der weißen Mehrheit zu tun: „Vergleich mich nicht mit einem Nazi …“, ist eine Standard Abwehrreaktion mit Konsequenzen, die zum Ausschluss aus der Wikipedia-Communitiy führen können. Wenn Windows so bequem ist, warum dann auf Linux umsteigen.

Rassismus wird in Deutschland – und das in allen Medien – immer dem „Rechtsextremismus“, als den dortigen vermeinlichen Randgruppen zu geschoben. Rassismus ist somit – für uns Weißen – nichts Alltägliches und hat mit dem Verhalten von Wikipedianern, Lehrern, Polizisten, Richtern oder Wissenschaftlern nach weißen Wahrnehmungsmustern nichts zu tun. Wir wissen oder können wissen, dass dem nicht so ist. „Dass sich rechtsextremes, rassistisches und demokratiefeindliches Gedankegut aber sehr wohl quer durch die Gesellschaft zieht, belegen jüngere Studien eindeutig.“ (Noah Sow, DSW. 33) Tatsächlich haben wir als Weiße alle ein Problem mit dem Rassismus, schon allen, weil wir ihn nicht wahrnehmen müssen. „Eine Tat aus purem „persönlichem“ Rassismus ist keine rechtsextremistische Tat und kann daher nicht rechtsextremistischen Bewegungen zugeordnet werden, sondern beruht ausschließlich auf die privaten rassistischen Einstellungen des Täters.“ (Noah Sow, DSW. 33) Wenn wir rassistische Artikel schreiben, dann liegt das vor allem daran, dass wir unsere eigen Einstellung nicht bewusst machen. Windows ist einfach bequemer. Rassismus ist es für Weiße auch. Nur für Weiße.

Wir können als Weiße getrost davon ausgehen, dass wir rassistische Artikel schreiben. Und zwar geschieht das solange, wie wir uns nicht bewusst machen, in welcher privilegierten Position wir uns als Weiße befinden.

Woran erkenne ich Rassismus?
Als weißer erkenne ich ganz selten Rassismus. In der Regel muss ich darauf hingewiesen werden. Ja, von denen, denen wir gerade den Fingergebrochen haben. Meist können wir das aber auch völlig schadlos ignorieren. „Ich bin ja kein Nazi!“, sondern was?

Fangen wir damit an: Wenn ich nicht möchte, dass mir jemand meinen Finger bricht, dann sollte ich das auch nicht bei anderen tun.


1 Antwort auf „Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben?“


  1. 1 Tagungsankündigung: Postkoloniale Gesellschaftswissenschaften. Eine Zwischenbilanz | www.soziologiemagazin.de Pingback am 17. April 2011 um 20:51 Uhr
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