Impressionen vom Workshop „Unser Blick auf AFRIKA“ – neokolonial und eurozentrisch?

„Unser Blick auf AFRIKA“ – neokolonial und eurozentrisch?

Diese Fragestellung galt es in dem Workshop auf dem 33. BUKO vom 13. bis 16. Mai in Tübingen zu klären oder sich ihr zumindest anzunähern.

Gemeinsame Perspektive (theoretischer Teil)

Für die Diskussionsgrundlage war es uns wichtig zu allererst eine gemeinsame Perspektive zu finden, aus der wir die Dinge betrachten und besprechen können. Daher mussten wir zunächst definieren was „unser Blick auf AFRIKA“ meint, nämlich nicht den Blick auf den geographischen und physischen Raum AFRIKA, sondern auf das Konstrukt AFRIKA, welches diskursiv beständig (re-)konstruiert wird. Nicht weniger bedeutsam für „unseren Blick auf AFRIKA“ ist ein bestimmtes „Wissen“ über AFRIKA, das durch wissenschaftliche Theorien, mediale Darstellungen, geschichtliche Hintergründe und aktuelle Beziehungen zwischen afrikanischen und europäischen Staaten entstanden ist und bis heute reale Auswirkungen hat.
Zum Einstieg diskutierten wir über Edward Saids Konzept von Orientalismus, das unserer Meinung nach auch auf Afrika angewendet werden könnte. Um das Konzept zu verstehen, lasst euch auf ein Gedankenspiel ein: Was ist für euch der „Orient?
Ich behaupte, dass viele unter euch eine bestimmte Vorstellung vom Orient haben; feste Bilder über das Aussehen der Menschen, der Architektur, der Lebensweise und des (kulturellen) Raumes. Es gibt sicherlich noch vieles mehr, was ihr mit dem Orient verknüpft, auch wenn ihr vielleicht nicht wisst was geographisch zum Orient gehört oder wo sich dieser eigentlich befinden soll. Das spielt laut Said bei dem Konstrukt auch nur eine nebensächliche Rolle. Die Zuschreibung bestimmter Merkmale und die darin inbegriffenen Wertungen sowie die beständige Bestätigung der Stereotypen in Diskursen lassen den Orient als einen realen Raum erfahrbar werden. Das Wesentliche dabei ist allerdings, dass er im Kontrast zum okzidentalen Raum steht und als das „Andere“, als das Negativ konnotierte, konstruiert wird.
Zurück zum Konstrukt AFRIKA: Das von Morrison entwickelte Konzept des Afrikanismus funktioniert nach dem gleichen Prinzip. AFRIKA als Konstrukt wird erfunden und durch die etablierten Differenzierungen zwischen Chaos und Zivilisation stabilisiert es Klassenverhältnisse und reguliert die Machtausübung.

Produziertes „Wissen“ über AFRIKA (praktischer Teil)

Mit diesen theoretischen Informationen im Gepäck ging es in den praktischen Teil des Workshops. Für die TeilnehmerInnen des Workshops bedeutete das, sich in Gruppen aktuelle Textausschnitte, beispielsweise Auszüge der Erfahrungsberichte von Freiwilligen oder PraktikantInnen in sogenannten Entwicklungsländern oder ein Veranstaltungsplakat einer „Nord-Süd-Vereinigung“, anzusehen und darin „unseren Blick auf AFRIKA“ zu erkennen und gemeinsam zu hinterfragen.
Damit auch diejenigen, die leider nicht beim Workshop dabei sein konnten, einen kleinen Eindruck von dem gewinnen, was in der Welt geschrieben und an „Wissen“ über AFRIKA verbreitet wird, kommt hier ein kurzer Abschnitt eines Freiwilligenerfahrungsberichtes:

„Ich bin in meiner freiwilligen Arbeit nicht mehr unglücklich, meistens sogar richtig glücklich dank der Hilfe durch die hier täglich ums Überleben kämpfenden, von den vor Lebendigkeit strotzenden Menschen. Danke, danke, danke!!! Voilà, endlich bin ich hier angekommen. Und richtig gut!!! Meine vorherige Zeit in der wohlhabenden Welt war still und friedlich zwar etwas eintönig, etepetete, aber durchaus nicht langweilig. Aber was ist das jetzt für eine verrückte Zeit. Ich bin dort, wo der Dreck und die Armut nach Veränderung sucht. Und ich bin glücklich.“
(Aufgeschriebenes einer Freiwilligen, die ihren einjährigen Dienst in einem afrikanischen Land macht)

Auch die im Jahre 1999 gehaltene Rede des Übersee-Clubs e.V. in Hamburg anlässlich des Besuches des ehemaligen Präsidenten Tansanias, Julius Nyerere, zeigt „unseren Blick auf AFRIKA“. (Dabei muss an dieser Stelle betont werden, dass die Einladung des Übersee-Clubs vom Hamburger Senat erfolgte!) In der Rede legte der Übersee-Club e.V. großen Wert darauf, die gemeinsame (Kolonial-) Geschichte Tansanias und Deutschlands hervorzuheben und betonte dabei „well this is the past of our relationship we don´t have to be ashamed of“. Der Übersee-Club nimmt in seiner Rede eine Geschichtsschreibung vor, in der „the Kilimanjaro was first explored by a German missionary in 1848“. Außerdem rühmen sie sich des „legendary Paul von Lettow-Vorbeck“, der „the German General was, who successfully defended the former German East Africa in the First World War, but had to give up, when Germany was defeated.” Welche ruhmreiche Persönlichkeit Lettow-Vorbeck laut dem Übersee-Club für Deutschland und Tansania gewesen zu sein scheint, wird auch in diesem Zitat deutlich „A good number of his surviving old Askaris (lokalen Soldaten) saluted him with tears in their eyes and saw him off with cheers – even after forty years.“

Von der deutschen Kolonialgeschichte als Zeit der Unterdrückung, Ausbeutung und Versklavung mitunter durch die Befehle Lettow-Vorbecks ist keine Rede – aber das tut ja auch nichts zur Sache, es ist ja schließlich lange her und die anderen Kolonialmächte waren eh viel schlimmer und sowie, das geschichtliche „Wissen“ ist ja immer interpretierbar, oder ist jemand anderer Ansicht?!
Dass solche aktuellen Textausschnitte genügend Stoff zum Debattieren bieten, zeigte sich auch an der anschließenden angeregten und lebhaften Diskussion. In der offenen Runde stellten die TeilnehmerInnen zahlreiche Zitate aus ihren Textausschnitten vor, die implizite und explizite neokoloniale und eurozentrische Blicke auf AFRIKA sichtbar werden ließen. Die Auswahl der Textausschnitte könnte beliebig erweitert werden. Gerade jetzt zur Fußball-WM wird es sicherlich viele Beispiele geben, wie die mediale Berichterstattung an dem bestehendem „Wissen“ über AFRIKA anknüpft und ihren neokolonialen und eurozentrischen Blick nicht wechseln wird.